Stamm Asgard - von den Anfängen bis zur heutigen Situation
Das Wesen einer Gemeinschaft wird in sehr hohem Maße von seiner geschichtlichen
Entwicklung geprägt. Daher soll an dieser Stelle versucht werden, den Werdegang
des VCP-Stammes Asgard zu skizzieren und vor diesem Hintergrund seine heutige Situation
aufzuzeigen. Für Detailinformationen steht eine tabellarische
Darstellung der Aktivitäten zur Verfügung, die in erster Linie für Mitglieder
oder intime Kenner des Stammes interessant sein dürfte. Um allerdings auch einen optischen Eindruck vom Leben dieser Gemeinschaft zu bekommen, ist die
Bildergalerie gedacht. Sie ist eine kleine Sammlung
von Fotos die hauptsächlich auf Fahrten aufgenommen worden sind.
Als vor mehr als 30 Jahren der VCP-Recke, damals noch ohne den Namen "Stamm Asgard", gegründet
wurde, unterschied er sich in vielen Bereichen von der heutigen Gruppierung, die
diesen Namen führt. Da 1973 in der evangelischen Kirchengemeinde Recke keine Jugendarbeit
außerhalb des Konfirmandenunterrichtes existierte, stellte Pastor Leiwe eine Anfrage
beim Diakonischen Werk Tecklenburg, dem das (kirchl.) Amt für Jugendarbeit angeschlossen
ist. Der dortige Geschäftsführer Gustav Becker, der seine Jugend in der Christlichen
Pfadfinderschaft verbrachte und Mitglied des damals gerade gegründeten VCP ist,
reagierte, indem er einen Zivildienstleistenden im Rahmen seines Dienstes beauftragte
eine neue Pfadfindergruppe in Recke zu gründen. Dieser ZDL (Gerhard Kratzsch) war
selbst wiederum Mitgleid des VCP-Münsters.
 Gruppenleiterschulung 1979
Bei einem Besuch im Konfirmandenunterricht legte er seine Vorstellung von Jugendgruppen dar und legte damit den Grundstein für den VCP-Recke. Die so entstandene Gruppe
war geprägt durch einen jugendpflegerischen Ansatz und dem Zeitgeist der die Jugendverbände
und somit auch den VCP Anfang der 70er Jahre dominierte. Für den pfadfinderischen
Bereich heißt dies, daß eine Suche nach neuen Formen und z. T. auch neuen Zielen
Einzug hielt. Die alten Formen und Werte der Vorgängerbünde (BCP, EMP und CPD) wurden hinterfragt und in vielen
Fällen als nicht mehr zeitgemäß verworfen. Pfadfindergesetz und -versprechen,
Elemente die in der
Weltpfadfinderbewegung sowohl damals als auch heute noch als zentrale Säulen
dieser Jugendbewegung galten bzw. gelten, wurden in dieser Zeit erst einmal ersatzlos
gestrichen. Später ersetzte der VCP sie durch die Idee, daß jede einzelne Gruppe
für sich eigene ‘Gruppenregeln’ formuliert und die Aufnahme der Mitglieder in einer
ebenfalls eigenen möglichst feierlichen Form gestaltet.
Diese Trends spiegelten
sich auch im VCP-Recke wider. Die in den Gruppen entwickelten Regeln wurden allerdings
Anfang der 80ziger Jahre durch die Pfadfindergesetze des Schweizerischen Pfadfinderbundes
ersetzt und galten nun für den ganzen Stamm. Ebenso wurde ein einheitliches Versprechen
eingeführt, das im Rahmen der Aufnahmefeier von jedem neuen Mitglied abgelegt wird.
Die Formulierung der Schweizer wurde als gelungene Übertragung der ursprünglichen
Gesetze des Gründers der Pfadfinder, Baden-Powell (BiPi), in die heutige Zeit empfunden.
Eine Übernahme der jeweiligen Texte aus der "eigenen" Geschichte, d.h. aus der,
der Vorgängerbünde, wurde weder als sinnvoll noch als notwendig betrachtet, da der
VCP-Recke z.B. die CPD als Bund nie erlebt
hatte (Der VCP-Bundesverband wurde 1973
gegründet.) Die Neuorientierung in Richtung traditionellerer Formen fand somit auch
in anderen Bereichen, Gesetz und Versprechen sollen hier nur als Beispiel dienen,
nicht in korsettartiger Weise statt. Es wurde in jedem Einzelfall (Führungsstile,
inhaltliche Ausgestaltung des Stammeslebens, Namen des Stammes und der Sippen, Tragen
der Kluft usw.) überlegt, was sinnvoll ist und ob die Aktiven des Stammes sich damit
identifizieren können. Es liegt in der Natur dieser Vorgehensweise, daß diese Formen
und Werte daher bis heute einer dynamische Entwicklung unterliegen.Anregungen wurden
im Laufe der Zeit sowohl aus dem deutschen und dem internationalen Pfadfindertum
als auch in besonderm Maße aus der bündischen Jugend herangezogen.
 Andi, langjähriger Stammesführer im Jahr 1981
Die Entwicklung des Stammes wurde in jeder Phase auch durch die Kontakte und Freundschaften
zu anderen Gruppen beeinflußt. So spielte von 1976 bis ca. 1982 die Verbindung zum
VCP-Bielefeld eine größere Rolle. Gemeinsame Fahrten und Lager verstärkten die Aktivitäten
der Roverstufe (ab 15 Jahre), was dazu führte, daß diese Altersstufe nicht nur für
die Leitung jüngerer Sippen und sonstige Aufgaben im Stamm zur Verfügung stand,
sondern auch ihr eigenständiges Gruppenleben umsetzte. Da diese Generation zu diesem
Zeitpunkt auch den Stamm im Wesentlichen trug, erwies sich die Konstellation für
den VCP-Recke als besonders fruchtbar. Speziell der musisch kreative Austausch in
dieser Zeit bereicherte die Aktivitätenpalette und brachte den Anstoß zu einer Singetradition,
die sich in den darauffolgenden Jahren noch sehr verstärkte und auch heute noch
ungetrübt ein charkteristischer Wesenszug des Stammes Asgard ist.
Die nächste
Periode stand unter dem Zeichen der bündischen Kontakte (bündisch - sehr vereinfacht
formuliert: inder Tradition der klassischen deutschen Jugendbewegung befindlich),
sowohl innerhalb als auch außerhalb des VCP und war mit einem Generationswechsel
im Bereich der Sippenführer verbunden. Innerhalb des VCP war das Bundeslager TURM’84
in Eschwege sicherlich ein Meilenstein. Während der Vorbereitungsphase fanden sich
traditionell orientierte Stämme zusammen, mit der Idee ein bündisch geprägtes Unterlager
zu organisieren. Dieses erfolgreich umgesetzte Projekt führte in der Folgezeit zu
einer Vertiefung des Kontakts zum VCP-Gau Dortmund, die ihren Höhepunkt in einer
gemeinsamen Großfahrt 1985 (auch unter der Beteiligung von Gruppen der Deutschen
Freischar) nach Griechenland fand.
 Im VCP-Bundeslager 1984
Mitte der 80ziger Jahre verlagerte sich der Blickwinkel stärker auf das Spektrum
der Gruppen außerhalb des VCP. Einladungen zu Singewettstreiten, Volkstanztreffen,
Fahrten und Festen von anderen Bünden wurden genutzt, um Kontakte zu knüpfen und
Anregungen für das eigene Gruppenleben zu bekommen. Beide Faktoren bewirkten einen
Motivationsschub für die Älteren im Stamm und damit verbunden eine kreativere Suche
nach neuen Möglichkeiten bei den eigenen Aktivitäten. Die handwerklichen Bereiche
gewannen dabei die Oberhand: Schmieden, Textildruck, Backen und Backofenbau, Bootsbau,
Metallarbeiten der verschiedensten Formen, aber auch klassische Pfadfinderfertigkeiten,
wie Sternen- und Kompasskunde, Lager- und größere Zeltbauten gehörten spätestens
seit dieser Phase zum Standardrepertoire der Gruppenstunden- und Lagerprogramme.
Die Beschäftigung mit inhaltlich Themen fand im Gegensatz zu anderen VCP-Gruppen
oft auf direktem Wege statt. Eine Fahrt nach Ostanatolien 1989 z. B. führte in den
kurdischen Brennpunkt. Gespräche und Erlebnisse mit den Menschen in diesem Teil
Kurdistans vermittelteten Eindrücke, die kein noch so gut vorbereitetes Projekt
zuhause in den Gruppenstunden hätte ersetzten können. Das gleiche galt und gilt
für die meisten anderen Großfahrten ebenso. Hierin liegt auch die Stärke der Großfahrten,
die ein wichtiger Bestandteil des Jahresablaufes des Stammes sind. Das gemeinsame
Erleben auf einer solchen Fahrt entwickelt die Selbstständigkeit, die Fähigkeit
und Bereitschaft Verantwortung zu tragen (und zwar nicht nur für sich selbst!) und
eine Festigung der Beziehung der Pfadfinder untereinander, aber eben auch eine gesteigerte
Sensibilität für andere Kulturkreise, andere Lebensformen, andere Wertmaßstäbe.
In immer wieder entstehenden langen Gesprächen werden diese Eindrücke reflektiert
und verglichen mit dem eigenen Leben, der eigenen Situation in Familie, Schule,
Studium, Beruf oder im Stamm. Eine ander Variante sich mit inhaltlichen Themen auseinanderzusetzten
war und ist auch heute noch der Weg über das Singen. Lieder unterschiedlichster
Herkunft werden im Stamm gesungen: deutsche und internationale Folklore, Fahrtenlieder,
geistliche Lieder, politische Lieder aus den verschiedensten Epochen und Ländern,
sowie Lieder der Handwerker, Seefahrer, Landstreicher usw..
Neben dieser Palette an Aktivitäten beschäftigte sich der Stamm in den letzten
Jahren immer wieder mit der Idee eine eigene Immobilie zu erwerben. Der Kauf einer
alten Mühle z. B. stand bereits kurz vor dem Abschluß, bis dann der Eigentümer plötzlich
von seinem Angebot zurücktrat. Andere Objekte wurden immer wieder in Augenschein
genommen. Aber bis zum heutigen Tag ist die Verwirklichung dieses Traumes noch nicht
in Sicht.Dafür engagierten sich die Älteren des Stammes in der jüngsten Vergangenheit
in unregelmäßigen Abständen bei einem ähnlichen Projekt des
Zugvogels. Dieser Wandervogelbund
ist Eigentümer eines alten Bauernhofes, dem "Kochshof", der komplett renoviert bzw.
neu aufgebaut wird.Auch über diese Kontakte und Freundschaften zum Zugvogel erhielt
der Stamm Asgard wieder Inspirationen für das eigene Gemeinschaftsleben.
Diese immer wieder neuen und unterschiedlichen Einflüsse im Laufe der inzwischen
33jährigen Entwicklung des VCP-Recke haben sich nicht nur als sinnvoll sondern sogar
als notwendig erwiesen, um eine produktive Dynamik im Stammesleben zu gewährleisten.
Wie in andern Lebensbereichen auch, neigen die Älteren oft zu der Tendenz das Vergangene
zu gloriefizieren und als den Maßstab für den "richtigen Weg" darzustellen. Auf
der anderen Seite sind Rat und Tat in wohldosierter Form für die Jüngeren sinnvoll,
damit "das Rad nicht immer wieder neu erfunden" werden muß. In diesem Spannungsfeld
ist der Blick nach außen (wie machen denn die anderen das?) eine gute Möglichkeit
das eigene Handeln zu reflektieren, um dann gemeinsam den "richtigen Pfad" zu finden.

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